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17.08.2024 · Neuigkeit

Vilshofen: So einzigartig, dass es zwei davon gibt

Es gibt viele und teils kuriose Parallelen zwischen Vilshofen an der Donau (Niederbayern) und Vilshofen bei Rieden (Oberpfalz)

Vilshofen: So einzigartig, dass es zwei davon gibt
Vilshofen. Als „einzigartig“ bezeichnen viele Nutzer der Facebook-Gruppe „Du kommst aus Vilshofen, wenn . . .“ gerne ihre Heimatstadt. Einzigartig in der Namensgebung ist Vilshofen aber nicht – denn neben dem Vilshofen an der Donau (18 000 Einwohner) gibt es noch eines: Vilshofen in der Oberpfalz. Die Einwohnerzahl dieses Vilshofens beträgt etwa 900. Davon abgesehen, gibt es aber viele Gemeinsamkeiten.

In Albert Kräuters Flur hängt, eingerahmt, eine Ansicht von Vilshofen an der Donau. Gefunden hat diese der Oberpfälzer, als er im Internet interessehalber nach Postkarten von Vilshofen gesucht hat. Dieses Bild speziell erregte seine Aufmerksamkeit, denn es zeigt gar nicht Vilshofen an der Donau, sondern den Heimatort von Albert Kräuter: Vilshofen bei Rieden in der Oberpfalz. Fälschlicherweise hatte es der Internetanbieter dem niederbayerischen Vilshofen zugeordnet. Doch damit hören die Verwechslungen zwischen Vilshofen bei Rieden und Vilshofen an der Donau längst nicht auf. Der VA hat sich auf Spurensuche begeben.

Vilshofen bei Rieden liegt zwischen Amberg und Schwandorf in der Oberpfalz. Der kleine Ort gliedert sich ganz grob in zwei Teile: einen niedrig gelegeneren Teil, durch den auch eine Vils fließt, aber eine andere als die Vils neben der Donau, und einen Teil auf einem Hügel, dem Pfarrberg.

Albert Kräuter wohnt auf dem Pfarrberg. Er ist für diese Geschichte gleich mehrfach interessant. Zum einen, weil er der Heimatpfleger von Vilshofen bei Rieden ist. Als solcher weiß er zum Beispiel, dass es in Bayern wahrscheinlich einmalig ist, dass drei Kirchen direkt auf einem Hügel nebeneinander liegen, so wie es in seinem Vilshofen der Fall ist.

Zum anderen hat er aber auch über viele Jahre hinweg eine direkte Verbindung ins niederbayerische Vilshofen gehabt – in Form einer Brieffreundschaft mit Ernst Klier. Der Vilshofener Theaterdarsteller hat vieles aufbewahrt, was mit Albert Kräuter zu tun hat: eine Kappe, auf der „Resischör“ steht, ein Geschenk des oberpfälzischen Vilshofeners, eine Mappe, in der auch Zeitungsartikel über sie beide archiviert sind, Visitenkarten.

2006 ließ Ernst Klier in Alkofen ein Stück aufführen, das sich „Isidors dreistes Stück“ nennt. Bei der Aufführung dann die große Überraschung: Der Autor sitzt im Publikum und schaut sich an, was Regisseur Ernst Klier aus seinem niedergeschriebenen Werk gemacht hat. Es war Albert Kräuter. „Dann hat’s geheißen: Grüß Gott, ich bin der Autor“, erinnert sich Klier.

Die beiden verstehen sich, haben den gleichen Humor, ähnliche Ansichten zum Theater. „Wir haben viel gemeinsam“, betont Klier. Und sie schätzen die Arbeit des jeweils anderen. 2010 führt Klier nochmal ein Stück von Kräuter auf und schreiben sich seitdem E-Mails, fast alle vier Wochen.

Damit nicht genug, sie schicken sich auch DVDs, geben sich Tipps, telefonieren. „Wir sind auf einer Wellenlänge geschwommen“, sagt Ernst Klier und lässt sich vom VA fotografieren, die geschenkte Resischör-Kappe auf dem Kopf.

Die Kamera mit dem Foto wandert mit dem Vilshofener Anzeiger 153 Kilometer von Vilshofen nach Vilshofen, ins Wohnzimmer von Albert und Hildegard Kräuter. Hildegard Kräuter beugt sich über den kleinen Monitor mit dem Foto von Ernst Klier und ruft begeistert aus: „Sogar der Kachelofen! Wenn das keine Parallele ist!“ Sie deutet auf den Kachelofen in ihrem Wohnzimmer und auf den auf dem Bild mit Ernst Klier.

Die beiden freuen sich sichtlich, Ernst Klier auf dem Foto zu sehen, und festzustellen, dass er so viel aufbewahrt hat. Auch sie haben die Zeitungsartikel, die vom Aufeinandertreffen von Ernst Klier und Albert Kräuter erzählen, für den VA ausgedruckt.

Die Brieffreundschaft hat sich irgendwann verlaufen, als beide mit Schicksalsschlägen zu tun hatten. Ihre Freundschaft war aber nicht die einzige aus dem einen Vilshofen ins andere. Auch die Feuerwehrler Xaver Graf, ehemaliger Vorstand im niederbayerischen Vilshofen, und Georg Edenharter aus dem oberpfälzischen Vilshofen kennen sich persönlich. So kam es, dass 2022 beim Fest zum 125-jährigen Bestehen der Feuerwehr im oberpfälzischen Vilshofen die niederbayerischen Vilshofener zu Gast waren.

Dann gibt es noch namentliche Parallelen, deren Träger sich nicht kennen, aber die vielleicht doch erwähnenswert sind. In Vilshofen an der Donau heißt der bekannte Altbürgermeister Gschwendtner. In Vilshofen bei Rieden ist es der jüngste SPD-Nachwuchs, der (fast) so heißt: Nico Schwendtner.

Altbürgermeister hat Vilshofen selbst nicht, sondern nur als Teil von der Gemeinde Rieden. Das ist zum Beispiel Gotthard Färber. Der sagt: „Fast jedem Gemeindebürger von Rieden ist es bekannt, dass es noch ein Vilshofen gibt, in Niederbayern.“

Er selbst datiert seine erste Verbindung mit Vilshofen an der Donau in den 60ern: „Da bin ich in die vierte Klasse gegangen.“ Damals beschäftigte Deutschland gerade die Gesamtschulreform. Das dreigliedrige Schulsystem mit Volks-, Real- und Gymnasialschule sollte zugunsten von Gesamtschulen reformiert werden – Bayern sträubte sich. Zumindest in weiten Teilen, denn in Vilshofen, wo auch Gotthard Färber zur Schule ging, sollte die Volksschule geschlossen werden und eine Gesamtschule in Rieden eröffnet werden. Dann wurde protestiert, und eins der Argumente war: „Im anderen Vilshofen wird das auch nicht so gemacht!“

Bei Vilshofen bei Rieden gibt es ein Pferdesportzentrum. Nicht nur eins, sondern das größte Pferdesportturnierzentrum Europas. Altbürgermeister Gotthard Färber erinnert sich: „Vor Jahren, als die da eine Halle gebaut haben, haben sich die LKWs regelmäßig ins andere Vilshofen verirrt.“

Ähnliche Erfahrungen hat schon 1946 das „Kalkdüngerwerk Oberpfalz“ gemacht, das bei Vilshofen Kalk abgebaut hat. Es hat auf seine Korrespondenz drucken lassen: „Wir bitten zur Vermeidung von Verwechslungen mit dem gleichnamigen Vilshofen Niederbayern, bei Post- und Bahnsendungen ausdrücklich: Vilshofen, über Amberg Oberpfalz vorzuschreiben“.

Das weiß natürlich Heimatpfleger Albert Kräuter, der aber auch in seinem eigenen Leben schon musikalisch einspringen musste, als es zu Verwechslungen mit Vilshofen an der Donau kam. In den 90ern hatte der Katholische Frauenbund einen Faschingsball in der Schule organisiert. Die Band kam nicht, obwohl sie pünktlich waren – nur eben im falschen Ort. Sobald die Verwechslung klar war, machte sich die Band auf den zweistündigen Weg ins andere Vilshofen. Währenddessen unterhielt Albert Kräuter die Besucher.

Anwohner Alfons Flierl bedauert: „Die Schule hat zugemacht, der Kindergarten hat zugemacht, der Gasthof macht zu. Aber die Kirchen stehen noch.“ Durch die Kirchen im oberpfälzischen Vilshofen kann wiederum Heimatpfleger Kräuter führen. Eine Kirche ist die normale Pfarrkirche. St. Michael heißt sie und wird gerade renoviert, auch eine Parallele zu Vilshofen an der Donau.

Direkt daneben steht eine „Wießkirche zum Gegeißelten Heiland“. Diese gehört als einzige der drei Kirchen der Gemeinde. Gebaut haben sie Wallfahrer, die bei der Wieskirche im Allgäu waren und sich dachten: „Sowas braucht Vilshofen auch!“

Und dann gibt es noch die „Allerseelen-Bruderschaftskapelle“. Die steht auf dem ehemaligen Karner, dem Ort, in dem man alte Knochen aus dem Friedhof aufbewahrt hat, wenn dort neue Gräber ausgehoben wurden.

Eine direkte geschichtliche Verbindung zwischen den beiden Vilshofens gibt es übrigens nicht, sagt Heimatpfleger Kräuter. Nur die Endung „-hofen“ lässt darauf schließen, dass beides fränkische Siedlungen aus dem achten Jahrhundert sind.

. . . Zeit, den Pfarrberg zu verlassen. Anwohner Alfons Flierl hat ja gesagt, der Gasthof mache zu. Am Tag des VA-Besuchs war aber noch geöffnet. Auf dem Weg zu der Wirtschaft fällt etwas anderes auf: eine Figur auf der Brücke über die Vils. Dargestellt ist eine mythische Gestalt. Das lässt niederbayerische Vilshofener natürlich an den Fischerpeterl denken. Im oberpfälzischen Vilshofen steht allerdings kein Fischerpeterl, sondern ein Nepomuk, Schutzpatron der Brücken.

Wie der Fischerpeterl (dieser hat der Legende nach früher immer bei einer Vilshofener Fischerfamilie gewohnt und zum Abschied eine Münze mitgenommen), hat auch der Heilige Nepomuk viel erlebt. Bei einer Flut im Jahr 1909 wurde seine Brücke weggeschwemmt, er selbst blieb aber auf einem Holzpflock stehen, wofür er sich Klagen seiner Vilshofener einhandelte – er hätte ja auch die Brücke beschützen können, so als Brückenheiliger.

Später unternahm er noch zwei „Tauchgänge“, wie es Heimatpfleger Albert Kräuter nennt – einmal, als die Nazis die Brücke sprengten, einmal, weil ein Fuhrwerk zu breit war. Heute steht dort eine neuere Nepomuk-Figur. Das Original darf sich in der Pfarrkirche ausruhen. Die Fischerpeterl-Statue übrigens stand nie an einer Brücke, wie der niederbayerische Vilshofener Heimatpfleger Rudolf Drasch weiß.

Einige hundert Meter weg vom Brückenheiligen Nepomuk findet man das Gasthaus „Zum Ochsenwirt“. Die Wirtin Elisabeth „Lisbeth“ Mesarosch ist wehmütig. Es sind ihre letzten Tage in der Gaststätte, die sie 37 Jahre mit ihrem Mann betrieben hat. Sie schließen altersbedingt.

In ihren ersten Jahren habe sie Schulden für das Gasthaus aufgenommen und sei deswegen nicht in ihre Heimat Ungarn gefahren. Aber sobald die Schulden beglichen waren, hat sie das wieder gemacht, sagt Lisbeth Mesarosch. Und wo führte ihr Weg lang? Natürlich über Vilshofen an der Donau! „Damals gab’s noch keine Autobahn. Schöne Zeiten!“, erinnert sich die Wirtin und lacht. Heute fährt sie über die A3 und winkt Vilshofen aus der Ferne zu.

In der Ecke der Gaststube sitzen zwei Frauen. Sie sind achtzig und neunzig Jahre alt und die ältere der beiden hat gerade in Vilshofen den ersten Espresso ihres Lebens getrunken. „Ich dachte immer, das wäre schlecht für den Magen“, sagt Anneliese Kreutzer. Die beiden sind traurig, dass es den Ochsenwirt bald nicht mehr geben wird. „Wir sind deshalb immer gerne nach Vilshofen gekommen“, sagt Marianne Heimler.

Aber nicht nur die beiden sind jahrelang in den Ochsenwirt gekommen, er war auch noch Schauplatz eines ganz besonderen Ereignissen. Denn im kleinen Vilshofen gab es ebenfalls einen Politischen Aschermittwoch der SPD. Davon kann Georg Söldner berichten. Er ist der Ortsvereins-Vorsitzende der Sozialdemokraten und war natürlich auch bei den Aschermittwochs-Veranstaltungen dabei.

Gegründet hat den Ortsverein übrigens Ludwig Stiegler, der bekannte Bundestagsabgeordnete im roten Pullunder, ebenfalls ein Vilshofener. Sein Bruder und späterer Ortsvereins-Vorsitzender Leonhard hielt dann 1980 im Ochsenwirt den ersten Politischen Aschermittwoch ab. Von da an waren verschiedenste Landtags-, Bundestags- und Europa-Abgeordnete als Redner zu Gast.

Georg Söldner erzählt: „Alle 40 Veranstaltungen fanden im Gasthof Ochsenwirt im Ortsteil Vilshofen der Gemeinde Rieden statt und waren immer zeitgleich mit der Veranstaltung in Vilshofen in Niederbayern am Aschermittwochvormittag.“ Aber weil während Corona Präsenzveranstaltungen nicht möglich waren, die Referentengewinnung schwieriger wurde und jetzt auch noch der Ochsenwirt schließt, wird die Tradition nicht fortgeführt.

Das heißt aber nicht, dass in Vilshofen nichts los ist. Von einer ganz aktuellen Entwicklung weiß Michael Rabenhofer zu berichten. Er ist Reporter und berichtet öfter aus Vilshofen bei Rieden. Der Fußballplatz des TSV Vilshofen werde gerade für einen sechsstelligen Betrag aufbereitet und dann für Trainingslager verschiedener Profi-Mannschaft zur Verfügung gestellt, womöglich irgendwann auch Nationalmannschaften, zunächst aber zum Beispiel den Damen von RB Leipzig, weiß er zu berichten. Dank des Reitsportzentrums gibt es nämlich ein großes Hotel in der Gegend, das Gut Matheshof, wo die Spielerinnen und Spieler unterkommen können – und mit Sicherheit auch niederbayerische Vilshofener, sollte nun jemand einen Ausflug ins kleine Vilshofen an der anderen Vils unternehmen wollen . . .